Glaube, Liebe, Hoffnung

Ich darf mit Fug und Recht behaupten äußerst populär zu sein. Jeden Tag aufs neue genieße ich ganze 25 Minuten die ungeteilte Aufmerksamkeit der Erstklässler, wenn ich meinen Sohn zur Klasse begleite und ihn wieder abhole. Zu verdanken habe ich das einem Schlüsselanhänger, in Form eines Rubik Würfels, der mich genau 1 Euro gekostet hat. Es sind die kleinen Dinge des Lebens. Fast jeder Klassenkamerad darf mal drehen und rätseln und alle Kinder sind immer wieder fasziniert von diesen herrlichen Algorithmen.

Während dieser Wartezeit ereignen sich tausend Kleinigkeiten, die das Leben so lebenswert machen.

Zuerst möchte ich aber die elend lange Wartezeit erklären. 20 Minuten warte ich morgens gemeinsam mit meinem Sohn darauf, dass die Lehrerin ihren Arbeitstag beginnt. Früher fing in dieser Schule der Unterricht um 8.00 Uhr an. Die Lehrer kamen aber immer erst 20 Minuten später in die Klassen. Um diesen Plauderei, Tratsch und Kaffeeschlürf-Zustand einen halbwegs professionellen Anschein zu geben, wurde der Beginn der ersten Stunde von 8.00 Uhr auf 8.15 Uhr verschoben. Die Lehrerin erscheint dann etwa um 8.25 Uhr. Meine anderen Kinder konnte ich an der Tür verabschieden aber mein Nesthäkchen ist sehr anhänglich und so bleibe ich, bis die Lehrerin endlich über den Flur schlurft. Meine Leidensgenossin ist eine osteuropäische Frau, deren Tochter ebenso unermüdlich kuschelt wie mein Kleiner. Am Anfang war sie etwas schüchtern mich zu grüßen. Aber ein enthusiastisches Guten-Morgen von meiner Seite nahm ihr schnell ihre Scheu.

Ein harter Kampf war es allerdings, die Oma einer Mitschülerin zu einem Gruß zu bewegen. Auch sie bringt ihre Enkelin (ein entzückendes Mädchen) fast jeden Morgen zur Klasse. Alle Erwachsenen wurden gegrüßt, außer mir. Wochenlang, Irrtum ausgeschlossen. Ein Gruß von mir wurde übergangen. Nun ist mir die Opferrolle zu langweilig und gleich Rassismus zu schreien ist auch nicht mein Ding. Also grüßte ich beharrlich weiter. Woche für Woche. Und siehe da, es tut sich was. Nachdem ich mich einmal höflich nach dem Wohlbefinden ihrer Enkelin erkundigt hatte, war das Eis gebrochen, entstanden nette Gespräche und seitdem wird fröhlich zurück gegrüßt.

Die Scheu nehmen, Vorurteile abbauen und Menschen im realen Leben begegnen. Das hilft, wenn ich mich über Populisten wie Nandalya ärgere. Aus einem „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen.“ ist ein erdrückendes „Das muss mal gesagt werden. So geht es ja nicht weiter.“ geworden. Im Internet zu hetzen ist leicht und hinterher, wenn die Heime brennen, will es keiner gewesen sein. Populisten gehen immer davon aus, dass sie keine Verantwortung tragen. Das sind ja nur private Gedanken, die sie auf ihrem (öffentlichen) Blog äußern. Und Islamkritik ist ja auch kein Rassismus, da Muslime ja keine Rasse sind. Nö, aber gegen eine Religion und alle ihre Anhänger zu hetzen ist Diskriminierung, außerdem offenbart es den eigenen ekelhaften Charakter.

Das sind so die Gedanken, denen ich nachhänge während der Zauberwürfel zwischen 9 Nationalitäten herumgereicht wird und sie alle in Faszination verbindet. Während ich sehnsüchtig den Flur entlang blicke und hoffe, dass im Lehrerzimmer endlich jemand den Kaffee aufgesetzt hat.

Mittlerweile ist eine neue Dame zu unserem morgendlichen Wartekreis gestoßen. Alle werden begrüßt, sogar mit meinem Sohn sprach sie schon ein paar Worte (während er auf meinem Schoß saß), nur mich übergeht sie gekonnt. Soll ich mich wieder aufraffen und den ersten Schritt machen? Ich weiß nicht, manchmal habe ich auch keine Lust mehr.

Heute kommt ein kleines Mädchen aus der Parallelklasse an mir vorbei und bleibt plötzlich stehen. „Ist das ein Kopftuch?“ fragt sie mich mit großen Augen.

Ich bejahe.

„Wenn du Kopftuch trägst, dann bist du Muslim, hat meine Mama gesagt!“

Ich bejahe wieder.

„Ich bin auch Muslim.“

„Dann bist du meine kleine Schwester im Islam.“ sage ich und lächle breit.

Sie bejaht und lächelt zurück.

Diese Verbundenheit im Glauben, diese aufrichtige Liebe und Achtung vor fremden Menschen weltweit, ist neben der Ibaadah (Anbetung) eines der Dinge, die ich am meisten im Islam liebe.

Das gibt mir Hoffnung.

Wenn ich morgen nicht zu verkatert vom Sport bin, werde ich auch der Neuen ein enthusiastisches Guten-Morgen entgegenschleudern.

Für meine neue kleine Schwester. Jeder Mensch, der heute seine Scheu verliert, ist morgen einer weniger mit dem sie zu kämpfen hat.

 

 

 

Advertisements

6 Gedanken zu “Glaube, Liebe, Hoffnung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s