Kann man demütig und frei sein?

Ich schlürfe meinen Kaffee, lehne mich zurück und genieße demütig. Nein, nicht den mäßigen Latte Macchiato. Wer einmal in eine wirklich gute Kaffeemaschine investiert hat, der wird mäkelich. Ich sitze in einem Bistro und sehe meinem Sohn beim schwimmen zu. Morgen ist die Prüfung für die Abzeichen.

Zwölf Jahre bin ich nun verheiratet. Ungefähr fünfzehn Jahre bin ich Muslim. Und ich bin dankbar. Für die Gnade und Rechtleitung Allahs, Der mich den Islam annehmen ließ. Es gibt beim besten Willen nichts, worüber ich mich beschweren könnte. Ich bin genau dort, wo ich sein will und dankbar, dass ich genau dort sein darf.

Der Kaffee ist alle und wird von einer Bio-Rhabarberschorle abgelöst. Habe ich noch nie probiert aber was Bio ist, muss ja gut sein. Der Geschmack hält nicht, was die pastellrosa Farbe verspricht. Der Geruch von Rhabarber, der penetrant aus dem Biofläschen strömt, hilft auch nicht dabei, mich hipper und gesünder zu fühlen. Mein Kleiner paddelt weiter durch das Wasser und ich hänge wieder meinen Gedanken nach. Ich bin Einzelgängerin. Das ich mal heirate und Kinder bekomme, hätte ich mir nie träumen lassen. Eine Familie die mich liebt und die ich liebe. Unbezahlbar! Drei kleine Gestalten, die mir vertrauen. Eine riesige Verantwortung, die mich manchmal um den Schlaf bringt. Trotzdem fühle ich mich demütig beschenkt und frei.

Feminismus brauche ich nicht um frei zu sein. Sich frei fühlen, obwohl man sich freiwillig religiösen Regeln unterwirft? Ein Paradoxon nur für den, der den Satz nicht versteht.

Nicht-Muslime gehen oft davon aus, dass mir Dinge, die sie unter Freiheit verstehen, fehlen würden. Mir fehlt es definitiv nicht einen Freund zu haben. Ein Typ der mich sicher total liebt aber nicht davon angetan ist, den Rest seines Lebens mit mir zu verbringen. Wäre er davon überzeugt, wäre ich seine Frau. Es ist auch schön in der Bahn zu sitzen, ohne das mir jemand in den Ausschnitt starrt. Und ohne das nervige „Ey chicca, ganz alleine hier?“ lebt es sich auch sehr gut. Es gibt Frauen die so etwas mögen und sich so Bestätigung holen. Das ist okay, es ist nur nicht meins. Es macht auch nicht jede Frau diese Erfahrungen, aber ich habe sie gemacht und mir fehlen sie nicht.

Ich vermisse auch nicht die Lästermäuler. Die lästern über die Kameltreiber, die so böse sind zu ihren Frauen. Die da hocken an ihren Stammtischen und lamentieren, wie es bergab geht mit Deutschland wegen der Islamisierung. Der ich, in fünfzehn Jahren als Muslima, noch nicht begegnet bin. Danach wird ordentlich gebechert und zu Hause angekommen, kriegt die Alte eine aufs Maul, damit sie wieder spurt. Ordnung muss sein. Noch so eine Sache, die die Musels nicht verstehen. Gewalt übt nur der aus, der hilflos ist. Der im Grunde seines Herzens spürt, dass er unwichtig ist. Deine Vorstellung von Deutschland kann mir gestohlen bleiben. Ob von Rechts oder Links, Gewalt ist kleinlich,  Hass ist Ballast und ich habe nicht vor dir beim tragen zu helfen.

Misshandlungen durch meine Familie vermisse ich auch nicht. Ich weiß nämlich sehr genau, was Unterdrückung bedeutet und ich vermisse kein Stück davon. Wie ich mich als muslimische Frau mit Kopftuch fühle? Wie die Königin der Welt! Aber sitze ich auf einem hohen Ross? Nein! Die Suche ist für mich zu Ende und ich genieße meinen Seelenfrieden in vollen Zügen.

Du sagst mir, dass du frei bist und ich glaube dir.

Du sagst mir, dass du glücklich bist und ich glaube dir.

Und genau dasselbe erwarte ich auch von dir.

Wer bist du, dass du mir vorschreibst, wann ich glücklich oder frei bin?

Mach du was du willst aber glaube nicht zu Wissen, wer oder wie ich bin.

Ich bin demütig dankbar und unendlich frei.

 

 

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6 Gedanken zu “Kann man demütig und frei sein?

  1. schöner text, danke dir! lassen wir alle uns nicht in schubladen stecken und tun wir es auch nicht mit anderen! das erfordert disziplin. manchmal ist es so verlockend einfach mit den schubladen.

    • Ja, das Denken in Schubladen geht einfach und schnell aber ich liebe Überraschungen und ich überrasche auch gern. Positiv, natürlich. Ein Beispiel: Neulich habe ich mein Laufband über eine Kleinanzeige verkauft. Der Käufer war tätowiert, glatzköpfig und im Dunkeln sicher furchteinflößend. Bei mir war er sehr höflich, erkundigte sich schüchtern nach den Funktionen und bedankte sich artig. Es wäre so einfach ihn in die Nazi-Schublade zu stecken aber was ist, wenn er einfach Tattoos mag? Wenn er eine Glatze einfach praktischer oder schöner findet?

      Und selbst wenn er eine rechte Gesinnung hat, vielleicht konnte ich ihn ja positiv überraschen. Bin ja auch nur ein Mensch. 🙂

      Vielen Dank für deinen Kommentar.

  2. Sehr schön geschrieben, allahumma barik.
    Möge Allah taala dich und deine Familie segnen und beschützen und möge Er uns allen Standhaftigkeit in der Religion geben. ❤❤❤

    • Selam alikum, barakaallhu fikh. Möge Allah ta ala uns alle segnen, uns unsere Sünden vergeben und uns immer dankbar sein lassen. Amin
      Schön von dir zu lesen/hören. 🙂

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